Kapustino - Ein Reisebericht
von Hartmut Winterfeld
Im Dezember 2009 erreicht mich eine Buchbestellung, Bernd Stricker aus Bad Muskau. Im Januar telefonieren wir. Er weiß, dass sein Vater im März 1944 in Kapustino begraben wurde, nachdem er in einem Lazarett der Wehrmacht verstorben war. Er hatte in meinem Buch gelesen, dass ich den Ort kannte, und dass wir im Jahr 2005 vergeblich versucht hatten, die Grablage umzubetten. Die Auskünfte, die er 2010 vom Volksbund erhalten hatte, besagten, dass am Ort Kapustino noch niemand gewesen , dass es in Belarus überhaupt schwierig sei und so weiter.
Ich erinnerte mich, dass im Jahr 2004 trotz erteilter Genehmigung und gutem Einvernehmen mit der Kreisverwaltung die Umbettung am Widerstand der Einwohner gescheitert war. Man sagte, dass die Wehrmacht bei der Anlage der Gräber bereits Sprengstoff eingesetzt hätte, dann gab es bei der Befreiung durch die Rote Armee Artillerieeinschläge auf dem Friedhof. Bei den nachfolgenden Aufräumarbeiten hatte man Gebeine von Einwohnern und deutschen Soldaten nicht trennen können und sie gemeinsam vergraben. Eine weitere Störung der Totenruhe wollte man nicht.
Die Ortsbewohner sind Altgläubige, sie haben einen besonderen Zusammenhalt und ein starkes Traditionsbewusstsein, schließlich litten sie bis in das 19.Jahrhundert unter Diskriminierungen durch die zaristischen Behörden.
Stricker ist ein Kind der Kriegsgeneration, verliert Anfang 1946 auch seine Mutter und wächst bei den Großeltern auf. Der Wunsch, das Grab seines Vaters zu besuchen und in würdiger Weise des Verstorbenen zu gedenken, ist stark ausgeprägt.
Wir planen eine Reise.
Bernd Stricker will nicht nur den Friedhof besuchen, er will auch zum Gedenken an seinen Vater ein Kreuz aufstellen. Wir nehmen Kontakt zur Kreisverwaltung Kirowsk auf. Man rät uns, die Reise erst nach dem 3.Juli zu vorzunehmen. Das ist der Nationalfeiertag und in diesem Jahr wird in Borki, einem Ort in diesem Landkreis, eine zentrale Gedenkstätte des Gebietes für die Opfer von Repressalien der Besatzungsmacht eingeweiht. Deutsche Einheiten hatten hier 1943 aus Rache für Aktionen von Partisanen die friedlichen Bewohner mehrerer Dörfer ermordet.
Trotzdem hilft die Kreisverwaltung. Die Achtung vor den Menschen, in Leben und Tod schließt nach dem grausamen Krieg auch uns mit ein, das Bemühen um Versöhnung gebietet es.
Frau Gorschkowa, die Stellvertreterin des Landrates für Soziales und der junge Leiter der Abteilung für ideologische Fragen, Andrej Leontjewitsch, sprechen in Vorbereitung unseres Besuchs mit den Bewohnern des Dorfes und Vertretern der Glaubensgemeinschaft.
Am 11.Juli beginnt die Reise mit dem Zug nach Minsk. Wir mieten einen PKW und sind am 13.Juli in Kirowsk bei der Kreisverwaltung. Andrej fährt mit uns nach Kapustino. Wir sprechen mit alten Anwohnern. Sie erzählen uns, dass die Wehrmacht 1943/44 in der Schule des Dorfes ein Feldlazarett eingerichtet hatte. Dahinter, auf dem Feld, gab es eine kleine Start- und Landebahn für Flugzeuge, mit denen die Verwundeten nach der Erstbehandlung ins Hinterland gebracht wurden. Die im Lazarett Verstorbenen wurden auf dem Friedhof des Dorfes neben Gräbern der Einheimischen bestattet. Es war ein eigener Block, und die Leute wundern sich noch heute, dass die Gräber der Deutschen nicht von Ost nach West sondern von Nord nach Süd ausgerichtet waren. Die kleinen Grabhügel sind noch zu erkennen, wenn auch die Kreuze längst verschwunden sind.
Die Leute zeigen uns auch das Grundstück, auf dem sich das Lazarett befunden hatte, ein Teil des alten Gebäudes soll in den Schulneubau integriert worden sein, inzwischen steht es leer, die Kinder fahren in die Kreisstadt zur Schule. Auf dem Gelände ist auch ein kleines Denkmal für die Kriegstoten des Dorfes.
Wir vereinbaren, dass wir am kommenden Tag das Kreuz aufstellen wollen und finden einen Helfer mit dem notwendigen Gerät.
Abends sind wir in Bobruisk, das ca. 30 km entfernt liegt und treffen in einem ganz passablen und preiswerten Hotel alte Bekannte.
Am nächsten Morgen fahren wir nach Rogatschow. Eine breite Asphaltstraße führt durch flaches Land, immer wieder Ortschaften, die uns zwingen, verhalten zu fahren. Brücken über zwei Flüsse, den Drut und den Dnepr, dann eine große, belebte Kreisstadt. Franz Masser, der gemeinsam mit belorussischen Freunden den Soldatenfriedhof in Chodossowitschi pflegt, hat organisiert, dass wir ein Kreuz erhalten, wie es auch dort verwendet wird.
Weiter nach Kapustino soll es der kürzeste Weg sein. Die auf der Karte gelben Straßen sind meist asphaltiert, wir haben kein Problem mit der Orientierung. Aber dann passiert es doch. Oblastgrenze und jeder Oblast hat nur bis zu seinem letzten Dorf asphaltiert. Dafür ist das letzte große Dorf im Oblast Gomel bestens hergerichtet, neue Häuser, neue Betriebe, neue Straßen usw. Ein so genanntes Agrozentrum.
Endlich finden wir das Nadelöhr, eine völlig unbefestigte Straße und in der Nacht davor war ein heftiges Gewitter. Aber es gibt PKW-Spuren, Bernd Stricker sitzt am Lenkrad und wir kommen durch. Nach dem ersten Dorf im Oblast Mogiljow wieder Asphalt, alles in Ordnung.
Andrej Leontjewitsch begleitet uns nach Kapustino. Einige Einwohner sind zugegen, darunter auch Maria Wassiljewna, die neben dem Friedhof wohnt und die Pflege übernehmen will.
Andrej, Maria und Bernd Stricker
Wir suchen einen schönen Platz, etwas erhöht in der Nähe einer Birkengruppe, und setzen das Kreuz. Maria bringt schöne Zierpflanzen. Wir kennen die Art nicht. „ Wir nehmen sie oft für unsere Gräber“, sagt Maria, „ sie brauchen nur wenig Wasser.“
Abschließend schmückt Bernd Stricker das Kreuz mit einem Kranz und wir nehmen Abschied.
Am nächsten Tag besuchen wir Bobruisk, die „Biberstadt“ mit den restaurierten Häusern im ehemaligen Judenviertel, wo auf dem Markt das Leben pulsiert und ein als Kaufmann hergerichteter Biber aus Bronze dem Reisenden Glück bringen soll.
Dann reisen wir nach Chatyn, der wichtigsten Gedenkstätte des Landes, die im Gedenken an die Opfer der Okkupation errichtet wurde.
Unterwegs seheh wir uns das „Brilskoje Polje“, das Schlachtfeld von Brili, an. Alle wissen vom Untergang der „Grande Armee“ Napoleons beim Übergang über die Beresina. Weniger bekannt ist, dass die Stelle in Belarus liegt. In der Nähe des Ortes Brili nördlich von Borissow gibt es eine kleine, wenig bekannte Gedenkstätte, eingerichtet von Russen und Franzosen.
Am Samstag die „Linija Stalina“. Nordwestlich von Minsk an der Chaussee nach Molodetschno haben Enthusiasten vor wenigen Jahren ein Museum errichte, das an die „Linija Stalina“ erinnert, eine in den 30er Jahren mit Betonbunkern ausgebaute Verteidigungsstellung ähnlich der Maginotlinie. Hier hatte man auch Platz für eine der größten Ausstellungen von sowjetischen Waffensystemen aus der Zeit des kalten Krieges.
Mit dem Besuch einer russischen Banja und einem Spaziergang durch das schöne Zentrum von Minsk beenden wir unsere Reise.
Bei der Arbeit Bernd Stricker am Grab

Fertig