Gräbersuche
von Lilo Thevissen, Hamburg
Im Sept. 03 fand eine Feier des VDK in Solobukowka statt, an der ich teilgenommen habe. Dabei wurde eine „Gesamtdokumentation aller in Russland gefallenen, vermissten und in Gefangenschaft verstorbenen deutschen Soldaten des II. WK eingeweiht. Unter den vielen auch der Name meines Mannes, Karl Thevissen, NachrUffz im III./SichRgt 210, 454. ID, der in Russland vermisst war.

Während dieser Reise nach St. Petersburg wurde ich auf die Zeitschrift „Kameraden" hingewiesen, an die ich mich wandte mit der Bitte, eine Suchanzeige über meinen Mann zu veröffentlichen. Daraufhin meldete sich ein Leser, der mich an die „Liga für Russisch-Deutsche Freundschaft" (101 000 Moskau, Mareika Str. Haus 7/8; Office 27) verwies. Dort reichte ich einen Suchantrag ein. Drei Monate später erhielt ich von der „Liga" die Auskunft, dass die Personalakte meines Mannes in den russischen Archiven gefunden worden sei. Mir wurden Zeit und Ort seiner Gefangennahme, die Lager, in denen er gearbeitet hatte, die Aufnahme in ein Lazarett, das Datum seines Todes sowie der Ort seines Begräbnisses mitgeteilt. Mir wurde angeboten, dass ich die Akte selbst gegen ein Entgelt (30 €) erhalten könnte. Ich nahm das Angebot an und erhielt die Kriegsgefangenenakte meines Mannes. Hieraus ging hervor, dass er am 13. 5. 45
verstorben ist und auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Volchjya Gora (Wolf-Hügel) im Raum Retschiza, Region Gomel/ Belarus, bestattet wurde.
Da mir nunmehr präzise Angaben über das Lager und das Lazarett bekannt waren, habe ich nochmals in den „Kameraden" eine Anzeige aufgegeben. Darauf rief mich Herr Masser aus Hamburg an, der in Belarus privat Kriegsgräberfürsorge betreibt und bat mich um Unterlagen; er wolle versuchen, den Friedhof Volchjya Gora ausfindig zu machen.
Monatelang blieb die Suche in alten Karten, bei Gesprächen mit belarussischen Dienststellen u. a. erfolglos; es gab keinen Kriegsgefangenenfriedhof Volchjya Gora.

Als die Sucharbeit schon aufgegeben werden sollte, fand sich auf einer alten „Beutekarte" ein Dorf dieses Namens, ca. 7 km von Retschiza entfernt. Bei wiederholten Besuchen dort fanden sich zwei Zeitzeugen. Eine alte Frau erinnerte sich genau daran, dass im Mai 45 ein deutscher Soldat auf dem Dorffriedhof beigesetzt worden war, sie konnte Herrn Masser an die entsprechende Stelle führen. Später fand sich eine zweite Zeugin, die alle Aussagen der anderen bestätigte. Die Fakten deuten darauf hin, dass es sich bei diesem Soldaten um meinen Mann handelt.
Nach diesen Erkenntnissen habe ich an den Botschafter von Belarus geschrieben und um Einverständnis gebeten, eine Grabstätte nach ortsüblicher Sitte mit einem Grabstein errichten zu dürfen. Nachdem meine Bitte durch alle belarussischen Instanzen gelaufen war, habe ich diese Genehmigung jetzt erhalten. Wir konnten nunmehr die Anfertigung eines Grabsteines in Auftrag geben.

Ich möchte sagen, dass alle belarussischen Stellen - sowohl in der Botschaft als auch bei den örtlich zuständigen Stellen sehr viel Verständnis und Entgegenkommen für meinen Wunsch gezeigt haben. Viele Veteranen haben mir mit Hinweisen und Ermutigungen weitergeholfen auf diesem Weg, aber dass der noch zu so einem guten Ende führen sollte, habe ich Herrn Masser mit seinem unermüdlich arbeitenden Team und der Zeitschrift „Kameraden" zu danken.
Ich hoffe, im Frühjahr 2006 nach mehr als 60 Jahren, die seit dem Erhalt der Vermisstenmeldung vergangen sind, das ordentliche Grab meines Mannes in Weißrussland besuchen zu können.

Quelle:

Leserbrief der Frau Thevissen in der Zeitschrift "Kameraden", Ausg. 12/2005, dort veröffentlicht S. XVI

Foto des Grabes: O. Shapovalova